Freitag, 27. Dezember 2013

Interpretation Gedicht „Frühlingsglaube“ von Ludwig Uhland


Frühlingsglaube


Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang! 
Nun muss sich alles, alles wenden. 

Die Welt wird schöner mit jedem Tag, 
Man weiß nicht, was noch werden mag, 
Das Blühen will nicht enden. 
Es blüht das fernste, tiefste Tal: 
Nun, armes Herz, vergiss der Qual! 
Nun muss sich alles, alles wenden.



Das vor mir liegende Gedicht „Frühlingsglaube“ lässt sich auf sehr unterschiedliche Weise interpretieren.

Auf den ersten Blick mutet es wie ein fröhliches, Hoffnung gebendes Frühlingsgedicht an. Die Natur beginnt sich nach einem dunklen, kalten Winter neu zu entfalten. Die Luft ist klar und frisch und die ersten Frühlingsblumen erblühen. Jedoch glaube ich, dass Ludwig Uhland die eben beschriebenen Naturereignisse nur als „Deckmantel“ für viel wichtigere und tiefgreifendere Aussagen benutzt.
Der Dichter lebte von 1787 bis 1862, also in einer Zeit politischer, gesellschaftlicher und industrieller Umwälzungen. In dieser Zeitspanne ereigneten sich sehr viele Aufstände und Revolutionen. Es ist möglich, dass er diese Verse nach der bürgerlichen Revolution in Deutschland 1848 geschrieben hat. In diesen Jahren sind die Anfänge der industriellen Entwicklung zu finden.
Uhland „kleidet“ seine Gedanken hierzu in Sätze und ganz knapp in Verben, z. B. „… erwacht …“, „“…Sie schaffen an allen Enden …“ und „…Die Welt wird schöner mit jedem Tag …“.

Der Frühling gilt in der Literatur als ein Symbol für Erneuerungen oder einen Neubeginn. Nach Kriegen ist die Welt oft verwüstet. So haben nach der Revolution in Deutschland sehr viele Menschen ihren gesamten Besitz verloren. Mit ihren Besitztümern wurden aber auch ihr Lebensmut, ihre Hoffnungen und Träume zerstört.
Der Titel des Gedichtes „Frühlingsglaube“ macht Mut und soll den Menschen zeigen, dass die Welt noch sehr viele schöne Dinge zu bieten hat, solange man daran glaubt. Ludwig Uhlands Gedicht stellt einen Aufruf an die Menschheit dar, nicht an ihren zerbrochenen Hoffnungen zu scheitern, sondern vorwärts zu streben und nicht in Selbstmitleid oder Melancholie zu versinken.
Durch den gleichmäßigen Aufbau der zwei kurzen Strophen und seine verwendeten Interpunktionen, z. B. „…, vergiss der Qual!“ wird dies von ihm verdeutlicht.

Es gab in dieser Zeit so viel zu tun. Neue Fabriken und Industriezweige entstanden. Zwar gab es noch immer Elend und Armut in der Bevölkerung, doch veränderten sich die gesamten Lebensbedingungen zum Besseren. Die Arbeit, die schweren handwerklichen Tätigkeiten, wurden von Maschinen übernommen. Alles war geprägt von emsigen Schaffen, was Ludwig Uhland mit den Worten „Sie schaffen an allen Enden“ auszudrücken versucht.
Um aufzuzeigen, dass diese Geschehnisse erst ein Anfang für noch viel weitreichendere Veränderungen sind, hat der Dichter die Zeilen „Man weiß nicht, was noch werden mag, Das Blühen will nicht enden …“ verwendet.

Er möchte den Menschen verdeutlichen, dass sie leben und dieses Leben auch genießen sollen. Sie müssen in die Zukunft schauen und sich nicht immer in die düstere, traurige und hoffnungslose Vergangenheit flüchten.
Dieses Gedicht ist ein Aufruf, seine Träume nicht zu vergessen.
Durch seine klare und freundliche Beschreibung der Natur gelingt es Uhland sehr gut, dieses Thema des Neubeginns darzustellen.

Beim Lesen des Gedichtes ergreift mich eine fröhliche, unbeschwerte und hoffnungsvolle Stimmung.
Durch die Art der verwendeten Symboliken und Formen lässt sich dieses Gedicht auch auf unsere heutige Zeit anwenden. Gerade in diesem Jahrzehnt, welches von Arbeitslosigkeit und Gewalt geprägt ist, kann man solche Worte der Hoffnung gebrauchen. Ludwig Uhland gibt durch seine Zeilen allen Menschen Mut, die ihn gerade benötigen. Besonders durch diese zeitlosen Formulierungen und Natursymbole behält das Gedicht seine eindrucksvolle Wirkung auf den Leser.

Kommentare:

  1. Liebe Frau Schmidt,
    Uhland hat dieses Gedicht, so wird es überliefert, im Jahre 1812 verfasst.
    Tja - und was nun?

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    1. Schade, dass hier Kritik nur in dieser Art und anonym geäußert wird...

      Doch ich bin Ihrem Hinweis nachgegangen und ja, das Gedicht soll im Jahr 1812 veröffentlicht worden sein. Dieser Hinweis hat seine Berechtigung.

      Mein Artikel entstand ursprünglich bereits im Jahr 1994 - noch vor Google oder Wikipedia.
      Zur Eläuterung meiner verfassten Interpredation möchte ich ausführen, dass diese nur auf den mir damals hierfür gegebenen Daten: Verfasser, den Jahreszahlen seiner Lebensspanne und eben dem Text des Gedichtes basiert. Der Zugriff auf weitere Medien war nicht zugelassen. Nicht immer ist uns das Erscheinungsjahr eines Werkes bekannt und lässt uns daher großen Spielraum für eigene Gedanken. Jede Interpredation ist indiviuell und subjektiv sowie abhängig von verschiedenen Kriterien.

      Auch wenn ich mich durch die Gegebenheiten in einer kurzen Passage auf das Jahr 1848 bezogen habe, können die Ausführungen dennoch für den gesamten Zeitraum des 19. Jahrhunderts angewandt werden.
      Im Jahr 1809 z. B. versuchte die Habsburgische Monarchie mit einem Krieg gegen die französische Vorherrschaft über Deutschland und Napoleon vorzugehen. Bereits hier begannen die wirschaftlichen und politischen Umwälzungen im Land, die das Leben von Uhland prägten. So ist nicht ausgeschlossen, dass dieses Gedicht, evtl. auch unbewusst, von diesen Ereignissen geprägt wurde.
      Wir können Ludwig Uhland nicht mehr fragen, welche Aussage er hier treffen wollte. Jedoch möchte ich unterstellen, dass es ihm nicht unbedingt um romantische Gefühlsregungen ging, dafür war er bekannt.

      Die Interpredation der Verse verbleibt im Auge des Betrachters. Daher stehe ich auch weiterhin hinter den von mir verfassten Zeilen und werde die Interpredation nicht abändern. Abgesehen von der von mir angenommenen Jahreszahl sind diese für mich allgemein gültig.

      Mit freundlichen Grüßen
      Anja Schmidt

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  2. Im Sinne einer freien Interpretation finde ich den Text gelungen. Die Einbeziehung des historischen Kontextes ist wichtig, allerdings ist das auch eine Schwäche dieser Interpretation, weil sie sich recht stark darauf abstützt, ohne dass dies am Text näher belegt ist. Von der Idee her gesehen würde ich stärker auf die Elemente der Romantik eingehen. Der Titel FrühlingsGLAUBE legt ja nahe, dass es einen religiösen Bezug gibt und daher würde ich zumindest den Aspekt des Pantheismus erwähnen. Ansonsten würde ich das Gedicht, als recht klassisches romantisches Gedicht, gar nicht so sehr vielschichtig sehen. Zwar wird auch der Hoffnung viel Bedeutung beigemessen, aber eine Kritik an der Industrialisierung wäre m.E. eine zu freie Interpretation und ist eher eine subjektive Assoziation.

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    1. Danke Dirk für die konstruktiven Ausführungen. Die Hinweise sind hilfreich und geben Lesern einen guten Blickwinkel für eigene Gedanken.

      Ich möchte nicht ausschließen, dass ich die Interpretation aufgrund der inzwischen vergangenen Jahre und der gemachten Erfahrungen heute anders schreiben würde. Der Text spiegelt meinen damaligen Eindruck wieder. Zeiten und Menschen verändern sich und auch die Sichtweisen. Mit Anfang Zwanzig (der Text stammt von 1994) betrachtet man seine Umwelt anders. Dennoch stehe hinter den Zeilen, die ich damals verfasst habe und es wäre falsch, wenn ich heute etwas daran verändern würde.

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