Samstag, 30. November 2013

Die böse "Vier"!

Jetzt erwischt es auch mich. Die böse »Vier« holt mich ein. In wenigen Wochen feiern wir meinen Geburtstag. Bisher kein Grund, um sentimental zu werden.
Mit Achtzehn dachte ich, Siebzehn hörte sich doch irgendwie besser an. Viele Dinge erschienen mir damals spannender, aufregender und einfacher. Außerdem mochte ich den Klang dieser Zahl. Achtzehn empfand ich eher als langweilig. Die ganze Aufregung um den Achtzehnten Geburtstag, die Volljährigkeit, konnte ich nicht verstehen. Vieles wurde vielmehr komplizierter. Die Zwanzig war keine so große Hürde, eher unspektakulär. An meinem Dreißigsten Geburtstag schlich sich dann schon ein merkwürdiges Gefühl in die Magengegend, doch wirklich realisieren wollte ich das nicht. Zu diesem Zeitpunkt hielt mich unsere gerade knapp vier Monate alte erste Tochter auf Trapp. Ich genoss es, einfach nur Mama zu sein und dachte weniger über mein Alter nach. Mit Vierunddreißig fast Fünfunddreißig sah das dann schon anders aus. Während ich mit unserer zweiten Tochter schwanger war, musste ich mir die ersten kritischen Kommentare über mein Alter gefallen lassen. Schließlich zählte ich nun zu den Risikoschwangeren. Ich fühlte mich aber gar nicht alt und die schrägen Blicke, weil ich sämtliche riskanten bzw. in meinen Augen unsinnigen Untersuchungen nicht durchführen ließ, nervten einfach nur. Natürlich kamen Gedanken auf, wie alt ich in einigen Jahren sein würde, wenn dieses kleine Wesen 15, 20 oder 30 Jahre alt wäre. Doch ganz tief drin in mir, fühlte ich mich manchmal noch wie Achtzehn und der alltägliche Trott hielt mich von weiterem Nachdenken ab.

Die Zahlen nach der Drei wurden immer größer und ich begann meine Umgebung mit kritischeren Augen anzusehen. Vielleicht ist es nur eine punktuelle Wahrnehmung, doch um mich herum veränderten sich Freunde und Bekannte. Nicht offenkundig, aber doch unterschwellig. Es war, als würden alle Personen, die ich kenne, Ende der Dreißig / Anfang Vierzig in Panik verfallen und nach dem Sinn ihres Lebens bzw. neuen Perspektiven suchen. Einerseits geschah dies vorsätzlich und berechnend andererseits eher unbewusst, ob nun in der realen oder einer virtuellen Welt. Freunde kamen aus sich heraus und zeigten nie geahnte Seiten oder Talente an sich. Andere wiederum zogen sich aus dem wirklichen Leben und von langjährigen Freunden zurück und suchten sich dafür einen entsprechenden Ersatz bzw. virtuelle Freunde. Letztere sind ja auch nicht „gefährlich“, da alles recht locker und unverbindlich bleiben kann. Es gibt sie nur im Netz und die Wirklichkeit ist weit weg. Sie kommen nur so nah an jemanden heran, wie dieser es zulässt.  Auf den einzelnen Plattformen rückt die Realität beiseite und niemand weiß, wie der Gegenpart in Wirklichkeit ist. Jeder kann hier so sein, wie er möchte, jünger oder älter, gebildeter sogar männlich oder weiblich. Niemand kann nachvollziehen, was der andere im realen Leben so macht oder denkt. Viele geben nicht einmal ihren wirklichen Namen oder gar eine Adresse preis.
Eine andere Gruppe setzte sich nochmals auf die Schulbank, sie erweiterten ihre Studienabschlüsse, bauten sich neue Existenzen auf oder entschieden sich noch einmal für Familienzuwachs.

Vieles, was meine Altersgenossinnen taten vermittelte mir den Eindruck von Torschlusspanik und ich konnte manche Dinge nicht nachvollziehen, einige bis heute nicht. Naja und ich war der irrigen Meinung, mir würde so etwas nie passieren. Oh, wie hatte ich mich geirrt.
Nach meinem 38. Geburtstag sah ich um mich herum plötzlich nur noch Frauen mit kugelrunden Bäuchen und Watschelgang. In der Stadt und selbst im Urlaub schien es mehr Kinderwagen als Autos zu geben und es wimmelte einfach nur so vor Babys. Und dann war er einfach da, der Wunsch nach einem dritten Kind. Mein Mann wollte schon immer drei Kinder und natürlich hoffte er noch immer auf einen Stammhalter. Momentan befand er sich zu Hause in der Minderheit - drei Frauen gegen einen. Wir hatten im Scherz schon mehrfach darüber philosophiert, gingen aber nie direkt auf das Thema ein.
Aber ich war ja auch schon Achtunddreißig, hatte bereits zwei süße Mädchen im Alter von 9 und 3 Jahren, unser Haus, einen Job, viel zu viele Hobbys und verrückte Ideen. Also genügend Arbeit und Verpflichtungen, dafür viel zu wenig freie Zeit. Wie sollte das gehen? Diese Frage stellte mir später dann auch meine Mom.
Dennoch, ich hörte meine biologische Uhr ticken. Dieses Tick Tack wurde von Tag zu Tag lauter und übertönte jegliche Bedenken. Der Wunsch nach einem weiteren Baby wurde übermächtig und natürlich auch die winzige Hoffnung auf einen kleinen Jungen. Aller guten Dinge sind schließlich Drei sagten wir uns. Wenig später bekamen wir tatsächlich Besuch vom Klapperstorch und zu unseren zwei Mäusen gesellte sich ein kleiner aufgeweckter Mäuserich hinzu. Alle waren glücklich, selbst die nun dreifachen Großeltern, die uns kurzerhand kopfschüttelnd für verrückt erklärt hatten, als sie die Neuigkeit erfuhren. Die Kinder liebten sich von der ersten Sekunde an abgöttisch und auch jetzt, acht Monate später hat sich daran nichts geändert. Alles war gut und hatte sich leichter eingespielt als gedacht. Natürlich funktioniert manches nur mit Unterstützung der Omas.

Eigentlich hätte ich nun glücklich und zufrieden sein müssen. Ich war mittlerweile Neununddreißig, hatte einen tollen Mann und drei supersüße, liebe, gesunde und intelligente Kinder. Weit gefehlt, denn da gab es noch diesen besonderen Traum, den nur meine Mom wirklich ernst nahm. Neben vielen kurzen Abhandlungen und Gedankenfetzen lag in meinem Schreibtisch ein kleiner ordentlicher Stapel Papier, eng bedruckt und liebevoll gehütet. Mein Manuskript für ein Kinderbuch. Der Text wurde immer mal wieder umgestellt, korrigiert und neu ausgedruckt. Danach lagen die Blätter erneut in der Schublade. Mein Traum, mein eigenes Buch im Buchhandel zu sehen schien unerreichbar. Es war ja auch nur eine nette kleine Geschichte für Kinder, nicht ganz fünfzig Seiten lang und für die renommierten Verlage uninteressant, da eben kein Harry Potter.
Hier zeigt sich einmal wieder, wie wundervoll Mütter sein können. Egal wie alt man ist, Mama ist doch die Beste, zumindest meine. Mit ihrer Hilfe wird nun in wenigen Wochen mein Buch verlegt. Zwar in einem Zuschussverlag, doch es ist mein Werk und ich bin stolz darauf, es geschafft zu haben. Und als Zugabe gab es wunderschöne und liebevoll entworfene Zeichnungen zur Untermalung der einzelnen Geschichten sowie ein tolles Buchcover. Ob es sich verkauft, wird sich zeigen. Dennoch hinterlasse ich, wenn auch nur winzige, aber doch Spuren auf dieser Welt.

Wenn da nur nicht dieser verflixte 40. Geburtstag wäre. Hat mich die Torschlusspanik jetzt auch eingeholt oder wird unsere Generation ab diesem Alter eben einfach nur kreativer und energetischer? Krempeln sich nur meine Geburtsjahrgänge in diesem Alter um und erfinden sich neu oder ist es ein generelles Altersproblem? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es auch einfach nur die Angst, das halbe Leben hinter sich zu haben, die Zeit davonrennen zu sehen. Die Aussicht auf eine langweilige Zukunft mit Frauenzeitschriften und Gesprächen über Antifaltencremes oder Rheumasalbe. Meiner Mom sage ich immer, sie sei nicht alt und meine das auch so, weil ich sie nicht als alt empfinde. Doch geht es um mich selbst, verändert sich die eigene Sichtweise.
Jedenfalls erwachte ich eines Morgens und in mir brodelte es. Eine innere Unruhe hatte mich erfasst und in meinem Kopf spukte nur noch eine Frage herum: »Warum nicht doch noch ein Fernstudium anfangen?«  Aber geht das? Da wären ja auch noch die drei Kinder, der Haushalt und später dann mein Job. Bleibt da genügend Zeit für alles und vor allem auch zum Lernen? Jetzt kann ich sagen, es funktioniert. Gut, manchmal eher schlecht als recht und ob ich die ersten Prüfungen schaffe, ist auch noch nicht raus. Doch es geht und es wird von Tag zu Tag besser. Organisation ist alles. Ich finde auch jeden Tag noch ein paar verloren geglaubte graue Zellen wieder. Vielleicht sollte man die Welt nicht mit einem allzu starren Blick betrachten, sich einfach mehr zutrauen und das eigene Alter nicht ganz so ernst nehmen. Es kommt auf die inneren Werte an und wie man sich selbst fühlt.
Die Meinung von Außenstehenden ist oft wichtig, sollte aber nicht die eigene Persönlichkeit untergraben. Man kommt vielleicht weiter, wenn man sich die Meinung anderer aneignet und vertritt, doch glücklich macht das auf Dauer nicht. Ich behalte lieber meine eigene Lebensansicht, habe eine tolle Familie und wenige, dafür aber gute Freunde.
Bei den einen werden jetzt die Kinder bereits flügge und verlassen das Nest. Sie sind wieder „frei“. Andere beginnen gerade erst mit der Familienplanung oder starten noch einmal durch. Egal wie, jeder richtet sich das Leben so ein, wie er mag und genießt es. Eben nur auf eine andere Art und Weise.
Es gibt Menschen, die sind bereits mit Zwanzig schon alt. Ich gehöre nicht in diese Kategorie und werde sicher auch nie ganz „erwachsen“ werden. Das Leben ist zu schön und hat noch viel zu viel zu bieten, als dass man sich von einer Zahl in seiner Altersangabe unterkriegen lassen sollte. Egal in welchem Alter, jeder sollte den Mut haben,  seine Ideen – und klingen diese auch noch so verrückt - umzusetzen. Fatal ist nur, irgendwann zu bedauern, es nicht getan zu haben. Im Englischen gibt es einen Ausspruch dem ich folgen möchte: „Live your dreams. Because if you don´t, you will regret it one day.

Also, keine  Angst vor der ach so bösen »Vier« ! Das Leben bietet uns noch viele Möglichkeiten, man muss sich einfach nur trauen, diese wahrzunehmen.