Sonntag, 9. März 2014

Kurzgeschichte - "Eine wundersame Rettung"

Es war ein milder Augustvormittag. Ich hatte mich mit meinen beiden besten Freundinnen im Tierpark verabredet. Bei einem gemütlichen Picknick wollten wir über mein aktuelles Buchprojekt sprechen. Ich hatte gerade eine heftige Schreibblockade und erhoffte mir von den beiden ein paar neue kreative Ideen.
Wir schlugen unsere Picknickdecke auf einem saftig grünen Rasenstück auf, von welchem sich uns ein herrlicher Blick auf die Tiergehege rings herum eröffnete. Mitten im gemütlichen Plausch über mein neues Buch lenkte mich eine winzige kleine Bewegung ab. Fast hätte ich es gar nicht bemerkt. Gerade als ich ein Stückchen meines Sahnekuchens abbeißen wollte, erblickte ich eine kleine rote Ameise. Hatte sie mir eben zugezwinkert? Nein, dass konnte nicht sein. Doch da! Schon wieder! Sie hatte eindeutig gezwinkert und ihre Ärmchen zu einer Art Winken hin und her geschwungen. Das Gespräch um mich herum nahm ich nur noch als ein sanftes Plätschern von Tönen wahr. Das Tierchen vor meiner Nase zog mich in seinen Bann. Bewegte sich da nicht auch der kleine Mund? Ja, jetzt konnte ich auch einzelne Töne unterscheiden. Diese Ameise sprach tatsächlich zu mir. Doch, wie konnte das sein? Hatte ich schon zu lange in der Sonne gesessen und bekam Halluzinationen?
Ohne Vorwarnung begann sich die Welt um mich herum wie in einer Spirale zu drehen. Immer schneller und schneller. Gerade als ich dachte, ich würde es nicht mehr aushalten, war der Spuk ebenso plötzlich vorbei, wie er angefangen hatte. Doch was war aus meiner Welt geworden. Ich schien geschrumpft zu sein und fand mich Auge in Auge mit der Ameise auf dem weichen Wiesenboden wieder. Die Grashalme ragten wie Baumstämme über mir auf. Ehe ich es mich versah, war ich von einer Schar roter glänzender Waldameisen umkreist. Doch anstatt angstvoll zusammenzusinken, konnte ich die Wesen vor mir nur sprachlos anblicken. Gefährlich sahen sie auf keinen Fall aus. Eine Ameise hatte ein verbundenes Bein und stützte sich auf einen winzigen kleinen Stock, die nächste hielt ihren Arm in einer Schlinge und wieder eine andere hatte einen dicken Kopfverband. So ging es reihum weiter. Die größte der Ameisen, die mit dem dicken Kopfverband, stellte sich mir als Hauptmann vor. „Wir wollten dich nicht erschrecken. Bitte verzeih uns diesen Überfall, doch wir benötigen dringend deine Hilfe.“ „Wie kann das sein? Träume ich?“ Augenscheinlich hatte ich meine Gedanken laut ausgesprochen, denn das Wesen vor mir antwortete: „Nein, du träumst nicht. Bitte begleite uns. Efira, unsere Königin, wird dir alles erklären.“ Noch immer begriff ich nicht, was genau vor sich ging, doch die Neugier besiegte meine Angst. Also folgte ich den Ameisen. 
Über ein kompliziertes System von Tunneln, Türen und schmalen Durchgängen, gelangten wir in einen gewölbeartigen Raum. Auf einem winzigen, kunstvoll aus kleinen Zweigen und Blättern gefertigten Thron saß eine sehr große rote Ameise. Ehrfurchtsvoll verneigten sich meine Begleiter vor ihr. Eine befehlsgewohnte Stimme erfüllte sogleich den Raum. „Danke, dass du zu mir gekommen bist. Du bist unsere letzte Rettung. Meine Freundin, ein kleines Kattamädchen, hat sich einen winzigen Dorn in den Fuß getreten. Die Pfleger können ihn nicht finden. Wir haben schon versucht, den Dorn heraus zu ziehen. Doch du siehst ja, wie diese Versuche geendet haben.“ Efira blickte berede in die Runde ihrer Ameisenarmee. „Und da habt ihr mich einfach verwandelt? Ihr könnt doch nicht einfach kommen und mich schrumpfen. Was ist, wenn ich euch nicht helfe?“, langsam siegte die Wut über meine Angst, so dass ich sogar mit den Fuß aufstampfte. Dabei hatte ich das schon seit Jahren nicht mehr getan. Beruhigend hob die Ameisenkönigin ihre Hand und bat mich, mich zu setzen. Ich versuchte noch immer die Situation zu erfassen. Konnte das alles wirklich wahr sein?
„Wir wollen dir wirklich nichts Böses. Ihr Menschen bezeichnet uns auch als die Polizei des Waldes. Wir halten normalerweise die Wälder sauber und sorgen für eine natürliche Ordnung. Hier im Tierpark kümmern wir uns auch um die Tiere in den Gehegen. Doch nun stehen wir vor einem schier unlösbaren Problem. Bitte, du bist unsere letzte Hoffnung! Versuch es wenigstens.“ Bittend blickten mich die Ameisen an. „OK. Sagen wir einmal, ich träume nicht und all dies hier ist wahr. Warum ausgerechnet ich? Wie könnt ihr euch sicher sein, dass ich helfen werde?“ Lächelnd blickte mich Efira an. „Oh, du hast dir eine kindliche Unbeschwertheit bewahrt und bist dadurch noch immer sehr empfänglich für Träume und Fantasien. Es hätte genauso eine deiner Freundinnen treffen können. Die Verwandlung bewirkt auch, dass du die Sprache der Tiere verstehst, damit wir uns mit dir verständigen können. Mit deinen Menschenhänden ist es einfacher, den Dorn zu greifen und heraus zu ziehen. Und in deiner jetzigen Größe ist es dir überhaupt erst möglich ihn zu erkennen. Meine Freundin leidet große Schmerzen. Bitte hilf ihr.“
So herzlos konnte ich nun auch nicht sein und ich liebte Kattas. Diese süßen Lemuren mit ihrem gestreiften langen Schwänzen und den übergroßen Äuglein. Wenn dies alles nur ein Traum war, was sollte mir da schon passieren. Also gab ich - noch zögerlich - meine Zustimmung zu diesem Unternehmen. „Gut, bringt mich zu eurer Freundin und ich werde sehen, was ich machen kann.“
Über ein weiteres verschlungenes Tunnelsystem gelangten wir zu dem Gehege der Kattas. Im Kattagehege herrschte ein heilloses Durcheinander. Das Bild, welches sich mir bot, erschreckte mich zutiefst. Was war nur aus dem sonst so sanften und süßen Tierchen geworden. Ein riesiges kreischendes Fellbündel raste auf mich zu. Eine der übergroßen Tatzen hätte mich fast unter sich zermalmt. Geistesgegewärtig zogen mich meine Begleiter gerade noch rechtzeitig aus der Gefahrenzone. Aus relativ sicherer Entfernung erfasste ich die Situation. Eines der Tierchen sprang aufgeregt kreischend zwischen den Gitterstäben hin und her. Zwischendurch leckte und biss es verzweifelt an seiner rechten Vorderpfote herum, nur um sogleich wieder unkoordiniert herumzuspringen. Wie sollte ich da nur unbeschadet in die Nähe des verletzten Tieres gelangen? Doch die Ameisen krabbelten unerschrocken am Schwanz des Kattas hinauf bis zu den Ohren und flüsterten ihm etwas zu. Langsam beruhigte sich der kleine Lemur, so dass ich mich näher heran wagte. Große schmerzerfüllte Augen blickten mich hoffnungsvoll an. Eine große Welle voller Mitleid mit dem armen Tierchen überflutete mich. Egal wie, ich musste ihm einfach helfen. Und da entdeckte ich auch schon den Übeltäter. Ein winziger kleiner Dorn steckte zwischen den rechten vorderen Zehen. Noch einmal holte ich tief Luft, ergriff den Dorn und zog so fest ich konnte. Es ruckelte kurz und ich hielt den Dorn in der Hand. Vor Freude klatschten die Ameisen in ihre Hände und das Kattamädchen sah mich dankbar an. Es leckte noch einmal kurz über die verbliebene Wunde, sprang auf und hangelte sich zu seinen Freunden. Es war ein schönes Gefühl geholfen zu haben.
Gemeinsam mit den Ameisen verließ ich das Gehege auf demselben Weg, auf dem wir gekommen waren. Konnte ich nun wieder nach Hause in meine eigene Welt? Die Ameisen führten mich zurück zu Efira, die mir mit Freudentränen in den Augen dankte. „Wenn du jemals selbst in Not sein solltest, werden wir da sein und dir helfen.“
Bevor ich noch etwas entgegnen konnte, drehte sich die Welt um mich herum erneut und aus weiter Ferne vernahm ich leise rufende Stimmen. „Hallo, Aufwachen!“, sanft rüttelte mich eine Hand an der Schulter. „Wo warst du denn nur mit deinen Gedanken? Sind unsere neuen Ideen so langweilig?“ „Nein, nein versicherte ich rasch.“, und schüttelte noch einmal den Kopf. Ich musste erst einmal zu mir kommen. Aus den Augenwinkeln sah ich gerade noch, wie einige winzige rote Ameisen von der Picknickdecke huschten. Die größte der Schar drehte sich noch einmal um und winkte mir zum Abschied zu. Hatte ich etwa doch nicht geträumt? Leise vor mich hin lächelnd wandte ich mich zu meinen Freundinnen um.

by Anja Schmidt

Keine Kommentare: