Donnerstag, 17. September 2015

Rezension "Und du bist nicht zurückgekommen" von Marceline Loridan-Ivens -- Insel Verlag




Gebundene Ausgabe: 111 Seiten
Verlag: Insel Verlag; Auflage: 1 (6. September 2015)
Sprache: Deutschmit Judith Perrignon (Autor), Eva Moldenhauer (Übersetzer)
ISBN-10: 3458176608
ISBN-13: 978-3458176602
Originaltitel: Et tu n'es pas revenu
D: 15,00 Euro






Inhalt:


Marceline ist fünfzehn, als sie zusammen mit ihrem Vater ins Lager kommt. Sie nach Birkenau, er nach Auschwitz. Sie überlebt, er nicht. Siebzig Jahre später schreibt sie ihm einen Brief, den er niemals lesen wird.

Einen Brief, in dem sie das Unaussprechliche zu sagen versucht: Nur drei Kilometer sind sie voneinander entfernt, zwischen ihnen die Gaskammern, der Geruch von brennendem Fleisch, der Hass, die Unausweichlichkeit der eigenen Verrohung, die ständige Ungewissheit, was geschieht mit dem anderen? Einmal gelingt es dem Vater, ihr eine kleine Botschaft auf einem Zettel zu übermitteln. Aber sie vergisst die Worte sofort – und wird ein Leben lang versuchen, die zerbrochene Erinnerung wieder zusammenzufügen.
Marceline Loridan-Ivens schreibt über diese Ereignisse und über ihre unmögliche Heimkehr, sie schreibt über ihr Leben nach dem Tod, das gebrochene Weiterleben in einer Welt, die nichts von dem hören will, was sie erfahren und erlitten hat. Und über das allmähliche Gewahrwerden, dass die Familie ihren Vater dringender gebraucht hätte als sie: »Mein Leben gegen deines.«

Und du bist nicht zurückgekommen ist eine herzzerreißende Liebeserklärung, ein erzählerisches Meisterwerk, ein einzigartiges Zeugnis von eindringlicher moralischer Klarheit – das wohl letzte Zeugnis seiner Art.

Quelle: Amazon



Die Autorin und Übersetzerin


Marceline Loridan-Ivens, 1928 als Marceline Rozenberg geboren, wurde im März 1944 mit ihrem Vater nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Sie ist Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin. Sie lebt in Paris.

Eva Moldenhauer, 1934 in Frankfurt am Main geboren, ist seit 1964 als Übersetzerin tätig. Sie übersetzt Literatur und wissenschaftliche Schriften französischsprachiger Autoren ins Deutsche, u.a. von Claude Simon, Jorge Semprún, Marcel Mauss, Mircea Eliade, Gilles Deleuze und Lévi-Strauss. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet: 1982 »Helmut-M.-Braem-Preis«, 1991 »Celan-Preis«.

Quelle: Amazon



Rezension:


Ein schlichtes in Leinen gebundenes Büchlein hat mich am letzten Wochenende begleitet.
Der Inhalt wiegt dafür umso schwerer.

Dieses Buch ist ein Brief von Marceline an ihren im KZ ermordeten Vater, aber eigentlich ein Resümee ihres Lebens.
Sie zeigt offen, wie ein naives 15jähriges Mädchen durch Hilfe von Freundinnen und viele glückliche Zufälle die Schrecken der Judenverfolgung überlebt, aber dennoch den Weg zurück in ein normales Leben nicht wirklich finden kann. Trotz aller Erfolge und eingegangenen Bindungen, bleibt sie eine Suchende.

Sie verschweigt nicht, wie sich ihre Sicht auf das Leben und gegenüber ihren Leidensgenossinnen während der Zeit in Birkenau veränderte. Wie ihr einziger Gedanke dem eigenen Überleben galt und sie zu Handlungen zwang, für die sie sich noch viele Jahre später schämte. 

Ihre Wut auf den geliebten Vater, der prophezeite, dass nur das junge Mädchen die Torturen überleben würde.


"Du wirst vielleicht zurückkommen, weil du jung bist, aber ich werde nicht zurückkommen."

Ein Brief ihres Vaters auf einem Fetzen Papier gab ihr zwar die Kraft weiter zu kämpfen und dennoch verblassten die Worte und kamen nie mehr zurück. Um nicht zu zerbrechen, lies sie diese erst gar nicht zu sich durchdringen. Einzig der Satz 


"Mein liebes kleines Mädchen..."

konnte eine Zeit lang ihr Herz erwärmen.

Doch wirklich bewegen und ein Leben lang begleiten wird sie eine Frage ihres Vaters:

"Was wünschst du dir am meisten auf der Welt, Marceline?"


Sie wird immer wieder durch ihre Gedanken schwirren, vielleicht auch, weil später niemand mehr ihr diese Frage stellte. Hat sie je eine Antwort darauf gefunden?

Wie groß muss der Schmerz sein, wenn man selbst der Meinung ist, das Überleben nicht verdient zu haben und spüren zu müssen, dass die eigene Familie lieber den Vater lebend in die Arme geschlossen hätte.

Marceline zeigt auf, dass das Überleben des Vernichtungslager und Leben nicht immer Hand in Hand gingen. Das auch die Familienmitglieder traumatisiert zurück blieben, die der Deportation in Vernichtungslager entgingen und den eigentlichen Krieg körperlich unversehrt überstanden. Psychisch scheiterten viele Jahre später zwei ihrer Geschwister an der Last des Wissen und des zu verarbeitenden Verlustes.

Marceline blieb stark, lebte ein ausgefülltes Leben und dennoch hat sie mit 87 Jahren die Antwort auf die Frage:



"Jetzt, da das Leben zu Ende geht, meinst du, dass wir gut daran taten, aus den Lagern zurückzukommen?" 

noch immer nicht gefunden.

"...Aber ich hoffe, dass ich, wenn mir die Frage, kurz bevor ich abtrete, gestellt wird, werde sagen können, ja, es hat sich gelohnt."


Ich wünsche ihr von Herzen, dass Marceline diese Worte am Ende ihres Lebens aussprechen wird und dies auch so empfindet.



Fazit:


Ein offenes ehrliches Buch, das nichts verschweigt und nichts verschönt. Zeilen, die aufzeigen, welche Traumata Menschen gezwungen waren zu durchleben und wie diese auch noch Jahre nach Kriegsende ihre Nachwirkungen zeigten.




Kimmy vergibt 5 von 5 Käseecken

Kommentare:

  1. Nicht nur das Buch, auch diese Buchvorstellung verdient 5 von 5 Käseecken, die sehr gut begründet sind. Vergangenheit ruht nicht, sie tobt in den Herzen der Opfer und darüber hinaus.

    Arndt

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  2. Liebe Anja...danke dir für diesen Buchtipp. Deine Rezension dazu machte mich sehr neugierg und ich hoffe, das ich es bald lesen kann :-)

    LG Eva

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  3. Auf dieses Buch hast du mich nun sehr neugierig gemacht und ich danke dir dafür. Ich finde das Thma sehr interessant und bin immer wieder auf der Suche nach solchen Büchern :-)

    LG Eva

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