Dienstag, 13. September 2016

Auftakt der Herbstlese - Felix Leibrock & Gäste - Ein literarisches Quartett

Heute eröffnete Monika Rettig die 20. Herbstlese in der Stadtbibliothek Erfurt. Ein Jubiläum, auf das die Initiatoren dieser Veranstaltung zu Recht stolz sein können.




In der Erfurter Stadtbibliothek trafen Felix Leibrock (Leiter des ev. Bildungswerk München), Matthias Gehler (Hörfunkchef MDR Thüringen), Dietmar Herz (Universität Erfurt, Staatswissenschaftliche Fakultät) und Dirk Löhr (Vorsitzender des Vereins "Erfurter Herbstlese") in gemütlicher Runde aufeinander und läuteten traditionsgemäß die Erfurter Herbstlese ein. Ich hatte das Vergnügen, das literarische Quartett hautnah zu erleben.




Auf diesen Abend habe ich mich besonders gefreut, bedeutete er auch ein Wiedersehen mit Felix Leibrock, der meinen Mann und mich vor 15 Jahren getraut hat. Sympathisch und humorvoll hat er diesen Tag unvergesslich werden lassen. Ein gutes Omen möchte man meinen. Uns hat sein Segen auf jeden Fall Glück gebracht. Und wieder einmal bestätigt sich der Ausspruch: "Man trifft sich immer zweimal im Leben." - oder auch öfter.

Bereits damals beherrschte es Felix Leibrock, seine Texte sowie auch unsere Traurede in einer ausdrucksvollen Bildersprache zu formulieren. Er verglich eine gute Ehe mit dem Backen eines Kuchens. Das Fehlen von Kleinigkeiten wie zum Beispiel Backpulver kann dem Gelingen eines Kuchens schaden. So muss auch beim Führen einer guten Ehe auf die Kleinigkeiten geachtet und eine Beziehung immer wieder neu gepflegt werden.

Münzen wir dies nun einmal auf den Bereich der Literatur um. Eine Geschichte ist nur so gut, wie der Autor, der sie erzählt. Bereits die ersten zehn Seiten entscheiden, ob ein Lektor sich weiter mit dem Text beschäftigt oder nicht bzw. der Autor seine Leser einfangen kann. Doch was ist gut und was schlecht? Liegt dies nicht immer im Auge des Betrachters? Gerade über Literatur lässt sich streiten. Und genau dies haben die vier Herren des literarischen Quartetts heute Abend getan. Vier Bücher, die wir im Rahmen der Herbstlese noch kennenlernen werden, wurden von Herrn Leibrock für diesen literarischen Disput ausgesucht.

Das diesjährige Motto lautet: "Fürchtet Euch nicht?"
Dieser Ausspruch hat nicht nur einen christlichen Bezug. Gerade aktuell müssen Ängste und die Furcht vor dem Fremden im Alltag überwunden werden. Felix Leibrock zitierte in diesem Zusammenhang aus Matt Haigs aktuellem Buch "Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben":

"Für mich waren Bücher der Weg aus Einsamkeit und Krise heraus.







Warum gerade diese Bücher? Weil sie eine bunte Mischung verschiedener Genre bedeuten und somit genügend Diskussionsstoff liefern.

Ja, die Gemüter haben sich teils sehr erhitzt und die Meinungen trifteten auseinander.



So rührte "Vom Ende der Einsamkeit" Matthias Gehler zu Tränen und auch Dirk Löhr gab zu, ein Tränchen vergossen zu haben. Dagegen zeigte sich Felix Leibrock nicht ganz so gefühlsbetont und kritisierte die Fülle von Weisheiten, die sich auf zu engem Raum tummeln. Dietmar Herz betrachtete das Werk von Benedict Wells eher nüchtern: "Das Lesen des Buches ist vergleichbar mit dem Genuss eines schweren Abendessens, bei dem man das Gefühl hat, gut gegessen zu haben, den Tisch aber mit einem unangenehmen Völlegefühl verlässt."

Das Buch stieß zwar von drei Seiten auf herbe Kritik, erklärte sich aber zum Herzensbuch von Herrn Gehler: "Ein Buch ganz dicht am Leben."

Dagegen beschäftigen sich das Quartett bei "Warum Europa eine Republik werden muss!" mit der Frage: "Was kann ein Buch leisten?" Unstrittig bescheinigten sie der Autorin eine grandiose Idee, deren Umsetzung und Format jedoch von der Grundaussage weit entfernt sind. Felix Leibrock fasste es in kurzen Worten zusammen: "Eine brillante Kernaussage, aber jenseits der Realität."


Bei der "Die S. E. A. Expedition" waren sich alle einig, dass diese Abenteuerreise mit dem heutigen Wohlstandstourismus nicht dieselbe Außenwirkung aufweisen kann, wie das Original von Ernest Shackleton. Wird das Buch noch als "sprachliches Desaster" bezeichnet, ist man auf den Vortrag mit vielen Fotos und persönlichen Gesprächen sehr gespannt und erwartet einen interessanten Abend. Diese Eindrücke lassen sich nicht per Buch, eher im direkten Gedankenaustausch und der Untermalung mit einzigartigem Bildmaterial wiedergeben.

Zum Schluss der Roman, der alle vier Herren beeindrucken konnte. Mit kurzen prägnanten Sätzen geht es in "Weit über das Land" um das Verschwinden an sich und die Frage: 

"Ist dies große Kunst oder großer Mist?" 

Einig waren sie sich jedoch, dass Peter Stamm ein tief psychologische Werk geschaffen hat, das keine wirkliche Aussage trifft, ohne eigentliche Handlung auskommt, aber viel Raum für Interpretationen lässt. Und genau durch diesen Mix an Stilmitteln sowie der Eindringlichkeit seines Schreibens wird das Buch nachhaltig wirken und die Gemüter bewegen.

Jetzt ist es an Euch, Euch eine eigene Meinung zu den genannten Büchern zu bilden.




So verging der erste kurzweilige Herbstleseabend viel zu rasch.
Es war zu spüren, dass sich Felix Leibrock, Matthias Gehler, Dietmar Herz und Dirk Löhr seit Jahren kennen und verstehen. Trotz stellenweise hitzigem Disput, herrschte dennoch eine harmonische Grundstimmung zwischen den Kritikern.
Humorvoll, mit viel Witz und Verstand konnte mich das literarische Quartett restlos begeistern.
Definitiv ist den vier Herren mit Ihrer Diskussionsrunde ein perfekter Auftakt der Erfurter Herbstlese gelungen.




Es wird eine Reihe von bunten, spannenden und facettenreichen Lesungen folgen, seid gespannt. Weitere Artikel werden hier, in der Thüringer Allgemeinen und auf Onlineportal der Thüringer Allgemeinen veröffentlicht.






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