Dienstag, 14. März 2017

Rezension "Alma" von Dagmar Fohl - Gmeiner-Verlag


    Gebundene Ausgabe: 219 Seiten
    Verlag: Gmeiner-Verlag; Auflage: 1., 2017 (8. Februar 2017)
    Sprache: Deutsch
    ISBN-10: 3839220726
    ISBN-13: 978-3839220726
    D: 18,00 Euro






    Inhalt:


    Der Hamburger Musikalienhändler und Cellist Aaron Stern muss 1939 Deutschland ohne seine Tochter verlassen. Eine verhängnisvolle Odyssee beginnt. Er findet in keinem Land sichere Aufnahme und gerät in die Fänge der Nationalsozialisten. Nach leidvollen Erfahrungen als Schiffsflüchtling und Lagermusiker kehrt er schließlich nach Hamburg zurück. Eine berührende und abenteuerliche Suche nach seiner Tochter beginnt.
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    Die Autorin:


    Dagmar Fohl absolvierte ein Studium der Geschichte und Romanistik in Hamburg und arbeitete als Historikerin und Kulturmanagerin. Heute lebt sie als freie Autorin in Hamburg und schreibt Romane über Menschen in Grenzsituationen. Psychologisch fundiert zeichnet sie Seelenzustände ihrer Protagonisten mit ihren Lebens- und Gewissenskonflikten und beleuchtet gleichzeitig die gesellschaftlichen Verhältnisse und Probleme der jeweiligen Epoche, in der ihre Protagonisten agieren.
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Rezension:


Mich hat der Klappentext direkt angesprochen. Doch kann eine fiktive Geschichte verbunden mit den historischen Fakten dieser Zeit vor seinen Lesern bestehen und den Geschehnissen gerecht werden? Gelinde gesagt, war ich skeptisch. Dagmar Fohl hat es jedoch geschafft, die Figuren sehr intensiv und authentisch wirken sowie handeln zu lassen.

"Alma" startet mit einem Vorwort von Esther Bejarano, die mir bereits aus
"Wir haben das KZ überlebt - Zeitzeugen berichten" von Reiner Engelmann ein Begriff ist.
Esther Bejarano spielte selbst im Mädchenorchester von Ausschwitz und weiß, worüber sie spricht. Sie hat die Leiden und auch psychischen Foltern am eigenen Leib durchlebt. Allein dadurch stieg mein Zutrauen zu Almas Geschichte.


Wir erleben die geschilderten Ereignisse aus der Sicht von
Aaron Stern. Der Erzählstil ist recht sachlich und nüchtern. Auf mich wirkte es so, als ob Aaron Stern es einfach nicht zulassen konnte, zu große Emotionen zu zeigen. Als ob der Bericht über sein Leben nur auf Basis des größtmöglichen gefühlsmäßigen Abstandes von dem Erlebten überhaupt möglich ist. Gleichzeitig musste ich mir zu Beginn vor Augen führen, dass Aaron am Ende des Krieges kaum 30 Jahre alt ist. Man hat das Gefühl, einen weit über seine Jahre hinaus gealterten Menschen vor sich zu haben, der geprägt durch die erlittenen Leiden alle Last der Welt auf seinen Schultern trägt. Gerade durch diese besondere Art des Tones, wird „Alma“ zu einem sehr intensiven Leseerlebnis.

Wieviel Leid kann ein Mensch ertragen? 

Aaron und Leah befanden sich bereits auf dem Weg in die Freiheit. Sie hatten eine der letzten Schiffspassagen bekommen, die ihr Überleben sichern sollte. Dafür mussten Sie sogar auf das Liebste, das sie besaßen verzichten und ihre gerade neu geborene Tochter zurücklassen. Jedoch wird ihnen in Kuba die Einreise verweigert. Auch die umliegenden Länder waren nicht bereit, die Flüchtigen aufzunehmen. Man mag sich diese Grausamkeit nicht vorstellen. All diese Menschen wurden wissentlich in den Tod geschickt. Nur wenigen war das Glück vergönnt, der Nazimechanerie zu entkommen.

Leah zerbricht unter dieser seelischen Last. 

Dagmar Fohl zeigt sehr eindringlich die psychischen Qualen und Folgen, die der Naziterror und die Zeit im Konzentrationslager mit sich brachten. Nicht allein der körperliche Zerfall, Hunger und Krankheiten führten zu Tod und Verzweiflung. Die psychische Folter hatte oft gravierendere Folgen und wirkten sich nachhaltig auf das weitere Leben der Überlebenden aus. Wie weit muss der Horror vordringen, damit man froh über den Tod eines geliebten Menschen ist, nur damit dieser all die noch zu erwartenden Qualen und Schmerzen nicht mehr ertragen muss? Man kann es sich kaum vorstellen.

Das eigene Überleben hing an einem seidenen Faden, Hoffnung wurde für viele zum einzigen Halt in einer unmenschlichen Umgebung. Die Liebe zur Musik sicherte Aaron Stern das Überleben und genau das hätte diese Liebe fast zerstört. Die Autorin zeigt eindringlich, welchen Gewissenskonflikt der Zwang, täglich muntere Musikstücke zu spielen und dabei viele andere Menschen in den Tod zu begleiten, bedeutete. Machtkämpfe, um der eigenen Sicherheit willen, untergruben Mitgefühl und Selbstachtung. In dieser Zeit Mensch zu bleiben, bedurfte einer enormen Kraft.

Aaron zog seine Kraft und innere Stärke aus der Musik und dem Wissen, dass irgendwo draußen und hoffentlich auch in Sicherheit, seine Tochter Alma lebte und er für sie da sein wollte. Die Suche nach Alma bestimmte lange Zeit seinen Alltag. Wie ihm erging es vielen. Menschen verschwanden spurlos, Dokumente wurden vernichtet. Diese Ungewissheit, was aus den Vermissten geworden war, wiegt schwer und ist oft schwerer zu ertragen, als die Gewissheit über das Unabänderliche. Einen Toten kann man betrauern und mit dem Schicksal irgendwann eine Art Frieden schließen. 

Anders ist es, für immer in Ungewissheit zu leben. Die Hoffnung bleibt ein täglicher Begleiter und lässt die Seele nicht ruhen. Ich kann mir vorstellen, dass es ähnliche Schicksale wie die von Aaron, Leah und Alma gegeben hat. Manchmal geschah auch ein kleines Wunder, doch oftmals blieben nur zerplatzte Hoffnungen und zerstörte Familien zurück.

Auch nach dem Ende des Krieges, musste sich Aaron weiterhin mit Ablehnung und Anfeindungen herumschlagen. Ihm wurden immer wieder Steine in den Weg gelegt, die er mit eisernem Willen und der Unterstützung von Freunden überwinden konnte. Er fand einen Weg, sich ein neues erfülltes Leben aufzubauen. Die Ängste und verdrängten Gefühle aber blieben. Die Schatten der Vergangenheit lauerten weiterhin nah unter der Oberfläche. Aaron lernte mit dieser dunklen Seiten in seiner Seele zu leben, andere zerbrachen noch Jahre später daran.

„Alma“ ist eine eindringliche Mahnung, aus der Geschichte unsere Lehren zu ziehen, nie zu vergessen, was einmal war und eine Wiederholung niemals zuzulassen.

Um es mit den Worten von Ester Bejarano zu sagen: Möge der Roman etwas bewirken in Zeiten zunehmender Entmenschlichung.“

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